Hommage für Walter & Marianne Kaiser Teil 1

Eine Hommage von Evelyne & Michael Scherer
2004 publizierten Evelyne & Michael anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der grossartigen Erfolge von Walter & Marianne Kaiser in Blackpool und an Europa- und Weltmeisterschaften eine höchst umfangreiche Recherche über die Tanz-Karriere von Walter & Marianne Kaiser.

Wir danken für die Genehmigung diese hervorragende Arbeit hier zu präsentieren!
dance! publiziert die gesamte Hommage im Original-Text.

 

 

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Walter & Marianne Kaiser

British Professional Latin American Champions 1964
Weltmeister und Europameister Professional Latein 1965

 

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Chronologie einer bewegten und äusserst erfolgreichen Tanzkarriere

3fache Blackpool-Finalisten, 5fache Europameisterschafts-Finalisten, 7fache Weltmeisterschafts-Finalisten – wohlgemerkt alles bei den Professionals – das sind nur einige weitere Fakten aus der beeindruckenden Bilanz des erfolgreichsten Schweizer Tanzturnier-Paares aller Zeiten! Zum 40-jährigen Jubiläum ihres grossartigen Erfolges am Blackpool Dance Festival – British Professional Latin American Champions 1964 – ist eine Würdigung überfällig.
Der berühmte Kaiser-Ball in Zürich dürfte allen Tanzbegeisterten bekannt sein. Auch die gleichnamige Tanzschule in Zürich. Der Name Marianne Kaiser ist auch geläufig. Damit erschöpfen sich jedoch die Kenntnisse über Walter und Marianne Kaiser bei den meisten, Zeitzeugen natürlich ausgenommen.

 

„Sie waren sehr, sehr gut“„Im Paso doble, meine ich, waren sie weit besser als die Sieger (Walter Laird und Lorraine Reynolds)„Sie nahmen den Engländern auch Samba und Paso Doble ab“„Kaisers waren ganz klar und deutlich besser als die Irvines“„überragend“„They captivated the crowd“„very sound“„created tremendous atmosphere“, das sind nur einige Aussagen über Walter und Marianne Kaiser! Macht das Lust auf mehr?

 

Erste Annäherung
Glücklichen Umständen ist es zu verdanken, dass wir in unserer aktiven Turnierzeit vor rund 20 Jahren bei einigen englischen Spitzentrainern in London Unterricht nehmen konnten. Dabei dauerte es jeweils nicht lange, bis wir in der obligaten Teepause gefragt wurden: „How are the Kaisers?“ – „What are they doing?“ (Wie geht es den Kaisers? Was tun sie?)

Ausnahmslos alle schwärmten von Walter und Marianne Kaiser! Sie erinnerten sich lebhaft an die unvergesslichen Momente mit ihnen in Blackpool Anfang der 60er-Jahre, an Europa- und Weltmeisterschaften und an viele sonstige Begegnungen…

Vorerst fand sich keine Gelegenheit, die interessanten Hinweise und Informationen über Walter und Marianne Kaiser weiter zu verfolgen. Als aktives Turnierpaar ist man zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Das schliesst spätere Aktivitäten jedoch nicht aus.

Zweite Annäherung
Die nächste Annäherung an Walter und Marianne Kaiser geschah nach unserem Wechsel zu den Professionals im Jahre 1989. Wir hatten in Blackpool ausgezeichnete Sitzplätze auf dem ersten Balkon, direkt gegenüber der Bühne, und hielten uns auch tagsüber während den Vorrunden gerne dort auf, da man von dort die beste Übersicht hat. Eines Nachmittags fiel mir ein älterer Gentleman auf, der ganz alleine mit einem sehr interessierten Gesichtsausdruck das Geschehen auf der Tanzfläche verfolgte. Höflich fragte ich ihn, ob ich mich zu ihm setzen dürfe. In der Folge kamen wir ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass er ein pensionierten Tanzlehrer und Trainer war und sämtliche bisherigen Blackpool-Festivals miterlebt hatte (seit 1931)!

Was für ein Glücksfall für mich, der sich brennend für die Tanzgeschichte und „the good old times“ interessiert.

Die nächsten zwei Stunden waren ausgefüllt mit Erzählen, Fragen, Antworten. Auf meine Frage, welche Tanzpaare ihn über die ganze Zeit am meisten beeindruckt hatten, tauchten viele, aber längst nicht alle Grössen der Vergangenheit auf (er nannte ausschliesslich Professionals): im Standard der legendäre Len Scrivener (British Professional Champion 1950 – 52), Wally Fryer (1947 – 49), der Tango von Anthony Hurley (1969 – 72) wurde speziell erwähnt… im Latein Michael Stylianos (1975), Peter Maxwell (1976 + 78) und ganz weit oben Walter und Marianne Kaiser: „…one of the greatest Latin American Champions of all times!“ Walter und Marianne Kaiser waren auch die Einzigen, bei denen er den Namen der Partnerin erwähnte…

Dritte Annäherung
Von Trudi Schmucki haben wir freundlicherweise jede Menge Material über die Schweizer Tanzgeschichte erhalten, u.a. aus der aktiven Tanzzeit von Walter und Marianne Kaiser. In persönlichen und e-Mail-Kontakten hat uns Trudi zudem beinahe alle Fragen zu ihrer und der Tanzvergangenheit von Walter und Marianne Kaiser beantworten können. Unser eigenes Bücher- und Zeitschriften-Archiv half auch. Damit stand einer Hommage für Walter und Marianne Kaiser nichts mehr im Weg.

Nach längeren Vorbereitungen konnte ein umfangreicher Entwurf verfasst werden, den wir Walter Kaiser zukommen liessen. Davon war er so begeistert, dass er für ein Exklusiv-Interview bereit war…

 

 

Wie alles anfing – 1950 – Marianne Wolff

Walter Kaiser (ca. 1950)

Walter Kaiser (ca. 1950)

Walter Kaiser hat mit verschiedenen Partnerinnen ausschliesslich Professional-Turniere getanzt (Standard, Latein, Kombination). Mit Marianne Wolff (ab 1952), Marianne Kaiser-Kopf (ab 1958) und mit Margot Eckert (1966/67) hatte er grossartige Erfolge, wobei die Welt- und Europameistertitel 1965 und die Erfolge in Blackpool 1962 – 1964 mit Marianne Kaiser-Kopf alle anderen Resultate überstrahlen. Dennoch ist das Eine ohne das Andere nicht denkbar. Auch deshalb ist die Hommage für Walter und Marianne Kaiser gleichzeitig eine Würdigung der anderen Partnerinnen.

Walter Kaiser ist in Murten aufgewachsen. Um 1947 hat er viele Filme mit Fred Astaire und Ginger Rogers und anderen Stepptanz-Grössen gesehen, die in ihm den Wunsch weckten: ich will Bühnentänzer werden. Tanz und Musik faszinierten ihn. Auf den verständlichen Wunsch des Vaters (etwas Sicheres in Händen zu haben und um das Geschäft des Vaters zu übernehmen) hat er in Neuenburg zuerst seine Lehre als Confiseur beendet und parallel dazu Stepptanz-Unterricht genommen.

Nach dem Lehrabschluss ging er 1950 nach Zürich mit dem Wunsch Bühnentänzer zu werden. Es stellte sich heraus, dass er fürs Ballett bereits zu alt war. Singen, Steppen, Schauspielen – ja, aber kein Ballett. In der Folge kam er in Kontakt mit der Tanzschule Massmünster. Dort wurde ihm gesagt: „Vom Tanzen kann man nicht leben, kehren Sie zu Ihrem Vater zurück!“

Die Beharrlichkeit von Walter Kaiser hatte jedoch Erfolg und die Ausbildung zum Tanzlehrer wurde in Angriff genommen.

 

…in der Tanzschule

In der Tanzschule Massmünster wurde zu den weltberühmten Victor Silvester-Platten getanzt. Das Technik-Buch von Alex Moore wurde wohl behütet und unter Verschluss gehalten.

Walter Kaiser hatte die Möglichkeit, bei Privat-Tanzstunden zuzuschauen. Dabei war er fasziniert von der Square-Rumba (sonst wurden an Turnieren „nur“ Standard-Tänze getanzt, English Waltz, Foxtrot/Slowfox, Quickstep und Tango) und wurde in der Folge in die Tanzschule Stauffacher eingeführt, wo u.a. die mehrfachen Amateur-Schweizermeister Crivelli trainierten.

In dieser Zeit lernte Walter Kaiser Marianne Wolff kennen. Sie beschlossen, zusammen zu tanzen und sich gemeinsam weiter zu bilden.

 

…erstmals in London

1951/52 unterrichtete Guy Howard (Technikbuch Standard IDTA) am Schweizer Tanzlehrer-Kongress. Ein erster Kontakt war geknüpft. Es folgte ein dreiwöchiger London-Aufenthalt bei Guy Howard im Studio von Alex Moore. Mit Begeisterung nahmen beide alles auf, was sie sahen und hörten.

Anfang der 50er-Jahre waren ausser Walter Kaiser und Marianne Wolff nur wenige ausländische Turnierpaare in England anzutreffen. Einige Deutsche, Holländer, die ersten Japaner, alles Professionals.

 

Walter Kaiser & Marianne Wolff (1952/53)

Walter Kaiser & Marianne Wolff (1952/53)

Guy Howard war für Walter Kaiser wie ein Vater. Er nahm ihn an alle Turniere mit, stellte ihn überall vor, baute ihn auf, stärkte sein Selbstbewusstsein. Er meinte: „If you could come to London for 6 months you could become a good dancer“. Aus den 6 Monaten wurden in den Folgejahren daraus rund zweieinhalb Jahre (mit Unterbrüchen).

Da Marianne Wolff noch nicht ausgebildete Tanzlehrerin war, bekam sie von ihrer tanzbegeisterten Mutter, Frau Hugentobler, das Geld dafür, die Ausbildung bei Alex Moore zu machen. Walter Kaiser unterrichtete in Zürich und in Winterthur, war einer der ersten Trainer des ATZ (heute DUZ) und besuchte Marianne Wolff immer wieder in London. Um Geld zu sparen, fuhr er sogar einmal mit seiner Vespa von Zürich nach London.

Walter Kaiser sah in England u.a. George Elliot tanzen, eine der schillerndsten Tänzer der damaligen Zeit. Walter Kaiser war fasziniert vom Foxtrot (Slowfox) – „wie macht er das bloss? – und der Slow Waltz, traumhaft schön, das ist ja eine völlig andere Tanzart für uns“.

Guy Howard nahm Walter Kaiser mit ins Palladium (das grösste, was es damals in London gab), wo 1952/53 Bobbie Henderson tanzte, eine weitere schillernde Persönlichkeit der damaligen Zeit. Herausragend bei Bobbie Henderson waren offenbar sein natürlicher Tanzstil und Gefühl total. Zitat Walter Kaiser: „Bob war ein wundervoller Tänzer, ich bewunderte seinen weichen Ansatz der Schritte“. Stunden waren nur sehr schwer erhältlich, und Bobbie Henderson kreuzte manchmal mit etlichen Stunden Verspätung auf oder gar nicht, je nach Lust und Laune.

 

011_walter_kaiser_marianne_wolff_sm_1952_diplom…die ersten Turniere

Zurück in der Schweiz wurden Walter Kaiser und Marianne Wolff 1952 (3. Mai 1952 im Kursaal Baden) auf Anhieb und bei ihrem ersten Turnier (!) Schweizer Meister bei den Professionals (2. Albert und Trudi Schmucki). Danach gab es mangels Teilnehmer bis 1960 keine Professional-Schweizermeisterschaften mehr.

 

Im April 1954 war in der englischen Zeitschrift „Dancing Times“ von Walter Kaiser und Marianne Wolff die Rede: „…a charming young couple, Professional Champions of Switzerland 1952, together for two and a half years, in London coaching under Bobbie Henderson.“

 

 

 

The Star Ballroom Championship (1950er-Jahre)

The Star Ballroom Championship (1950er-Jahre)

Walter Kaiser und Marianne Wolff haben viele Turniere und Meisterschaften im In- und Ausland bestritten, u.a. in Belgien, England und Italien. Dem Programm des „Star Balls and Ballroom Championships“ in der der Empress Hall in London (Montag, 26. April 1954) ist viel Interessantes zu entnehmen:

Auf Seite 3 wird man darüber informiert, dass im Hammersmith Palais in London 2 Mal täglich Tanz stattfand, um 15 Uhr und um 19.30 Uhr. Zu Live-Musik, versteht sich, 2 Bands.

Auf Seite 6 findet man Hinweise darauf, dass in London täglich (!) Tanzturniere abgehalten wurden, z.T. bereits am Nachmittag, meistens aber Abends. In jedem Ballroom spielte ein anderes Orchester. Alle Turniere wurden von Mecca Dancing organisiert, die in England, Schottland und Nordirland eine Kette von 60 Ballsälen betrieben.

(Leider wurden in den 80er- und 90er- Jahren des letzten Jahrhunderts viele dieser ehemaligen Ballrooms in Bingo-Hallen u.a. umfunktioniert, inkl. Hammersmith Palais!)

Am Star Ball 1954 selbst nahmen 74 Professional-Paare teil. Neben den englischen Paaren waren 3 Paare aus Holland, 2 Paare aus Australien, je 1 Paar aus Frankreich, Irland und Südafrika (Bill Irvine und Ruby Johnson) und natürlich Walter Kaiser und Marianne Wolff aus der Schweiz am Start. Die Professionals, die innerhalb von 20 Meilen des Marble Arch (beim Trafalgar Square in London) wohnten oder arbeiteten, mussten sich im Vorfeld für die Teilnahme qualifizieren (24 Paare).

(„Couples with business or residence within 20 miles of Marble Arch were required to compete at heats in London Halls to qualify for the semi-finals, first round…“)

Im Programm war aufgeführt, wo die Qualifikation stattgefunden hatte:

Nr. 6: Reg & Ruby Borrows (Astoria Dance Salon) – unser Schweizer Reg Borrow!
Nr. 33: John Irvine & Topsy Goodall (Wimbledon Palais) – unser Coach in England
Nr. 55: Eddie & Muriel Noyce (Astoria Dance Salon) – der beste Freund von Reg Borrow

Unter den Teilnehmern hatte es eine Vielzahl weiterer, bestbekannter Namen: Sonny Binnick & Sally Brock, Desmond Ellison & Maisie Harrison, Henry Kingston & Joy Tolhurst, Walter Laird & Ande Lyons, Harry Smith-Hampshire & Doreen Casey, Benny Tolmeyer & Sylvia Sylve, usw.

Am Nachmittag gab es eine weitere Qualifikations-Runde für die Londoner und die ausländischen Turnierpaare, denen kein direkter Halbfinal-Status zugesprochen worden war (39 Paare).

4 der 8 ausländischen Paare mussten die Nachmittags-Qualifikations-Runde nicht tanzen, darunter auch Walter Kaiser und Marianne Wolff. Was für eine Auszeichnung, aber auch was für eine Herausforderung, nachdem der schon exzellente Spreu vom noch exzellenteren Weizen getrennt worden war.

Es wurde unterschieden zwischen „semi-finals – first round“ (heute Achtelfinal) und „semi-finals – second round“ (heute Viertelfinal). Dann gab es den „final“ (heute Halbfinale) und den „grand final“ (heute Final).

Bei den Amateuren tanzten u.a. Michael Houseman und Valerie Waite, Dennis Udell und Joyce Brampton, Michael Needham, Peter Eggleton, die später auch als Professionals sehr erfolgreich sein sollten (Michael Needham mit der in der Schweiz bestens bekannten Monica Needham).

Bei den Star Junioren tanzte u.a. Anthony Hurley, der später einer der ganz grossen Standard-Tänzer werden sollte.

Als Wertungsrichter amtete alles, was Rang und Namen hatte, u.a. Josephine Bradley, Alex Moore, Phyllis Haylor, Charles Thiebault, Ida Ilett (Blackpool-Organisatorin vor Gill MacKenzie), Wally Fryer, Henry Jacques, P. Pierre (Latein-Legende), Len Scrivener, Eric Hancox.

3 Orchester waren engagiert worden: Joe Loss, Victor Silvester, Ken Mackintosh.

Es war genau angegeben, wie viele Melodiebögen (Chorus) in den jeweiligen Tänzen und Runden gespielt würden:

„The following music will be played throughout the competitions up to the Grand Finals of „The Star“ Championships:

Waltz and Foxtrot: 2 choruses
Tango: 2 choruses (or 64 bars)
Quickstep: 3 choruses

Grand Finals:
Waltz, Foxtrot and Tango: 2 1/2 choruses
Quickstep: 4 choruses“

Wie z.B. am „International“ auch heute noch üblich, war der Zeitplan minutengenau angegeben (8.57 to 9.18 p.m.: „Star“ Professional Semi-Finals 2nd Round). Das Turnier dauerte von ein Uhr mittags bis drei Uhr morgens (kurzer Unterbruch von 17 bis 18 Uhr)

Es gab ein „Tribute to the Waltz“. Idee von Phyllis Haylor. Teil 1 wurde von einem Ballett-Paar vom Royal Opera House Covent Garden bestritten. Teil 2 von Victor Barrett & Doreen Freeman, Len Scrivener & Nellie Duggan, Eric Hancox & Betty Wych, Charles Thiebault & Doreen Beahan. Teil 3 von 8 weiteren Top-Professional-Paaren (u.a. Len Colyer & Dorice Brace, Alf Davies & Julie Reaby, Henry Kingston & Joy Tolhurst, Benny Tolmeyer & Sylvia Sylve), Teil 4 von sage und schreibe 40 weiteren Professional-Paaren (u.a. Desmond Ellison & Maisie Harrison, Walter Laird & Andé Lyons, Jimmy & Olive Cullip, Eddie & Muriel Noyce, John Irvine & Topsy Goodall, Frank & Peggy Spencer)!

Was für eine Tanzkultur!

 

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Walter Kaiser & Marianne Wolff (1952/53)

 

 

013_tanzschule_kaiser…zurück in der Schweiz

Walter Kaiser und Marianne Wolff trennten sich kurz darauf. Marianne Wolff lernte Max Gütler kennen, einen Tonhalle-Musiker. Sie gründeten eine Familie. 1955 kaufte Frau H. Hugentobler, die Mutter von Marianne Wolff, für ihre Tochter die Tanzschule Jenzer an der Seefeldstr. 4 (gegründet 1938, Herr G. Jenzer eröffnete eine neue Tanzschule in Thun). In der Nummer 1 des „Nachrichtenblatt der Tanzschule Jenzer“ vom 3. April 1955 war u.a. zu lesen: „Frau Hugentobler unterstehen als Leiter der Schule Herr Walter Kaiser, Member I.S.T.D. und I.D.M.A. und Frl. Marianne Wolff, Associate I.S.T.D., deren erstklassige Ausbildung bei Alex Moore und Bob Henderson (England) einen ebensolchen Unterricht garantiert.“

Für die Texte im Nachrichtenblatt waren Walter Kaiser und Max Gütler verantwortlich.

Das Blatt war voller brisanter Themen und interessanter Feststellungen: es gab seit Jahrzehnten (!) 7 Tanzlehrer-Berufsverbände in der Schweiz (bei rund 110 Tanzlehrern), 2 Amateurverbände, entsprechend 2 getrennte Amateur-Schweizermeisterschaften, eine Sitzung des internationalen Professional-Verbandes in Paris, an der die beiden Hauptgruppen der Schweizer Professionals antraben mussten. Resultat, Zitat:“ Die Herren wurden allesamt heimgeschickt, mit der Aufforderung, an der nächsten ICBD Sitzung wiederum, aber geeint zu erscheinen. Ausserdem hatten sie das zweifelhafte Vergnügen, eine 6-monatige Sperre für die ganze Schweiz einkassieren zu müssen…“

Die Tanzschule Jenzer hielt sich aus den Streitigkeiten heraus. Walter Kaiser als Klubtrainer stellte es den Turnierpaaren sogar frei, sich für den einen oder anderen Amateurverband zu entscheiden. Ansonsten wurde punkto Paarkritik kein Blatt vor den Mund genommen.

Hier zum 1. Nachrichtenblatt der Tanzschule Jenzer 1955

 

 

Walter Kaiser setzte sich enorm für alle Belange der Schweizer Gesellschaftstanz- und Turnierszene ein. Er war ein Vorbild-Professional, Botschafter für die Schweiz und Wertungsrichter von grösstem Format. Als Beispiel sei ein Bericht aus der Tanz Illustrierten Nr. 40 vom Januar 1956 aufgeführt:

Zwischenfall in Wien: Wertungsrichter verteidigt sich vor dem Publikum „Unlängst fand in Wien ein Teamkampf Zürich-Wien statt (veranstaltet vom Turnieramt für Gesellschaftstanz), bei dem sich folgendes ereignete: Zwei Wiener Paare beeindruckten im Quickstep durch viel ‚Quick and Quick‘-Schritte, Sprünge und Charlestonfiguren das Publikum, so dass die Beifallsstürme nicht abreissen wollten. Jedoch nicht den Schweizer Wertungsrichter, Herrn Walter Kaiser. Als in der offenen Wertung für Quickstep die anderen zwei Punktrichter die beste Note 9 aufzeigten und Herr Kaiser nur die 5, und als sich dasselbe auch bei dem zweiten Paar ereignete, nahmen die Pfuirufe seitens des Publikums kein Ende. Herr Kaiser teilte dem Turnierleiter daraufhin mit, er sei gerne bereit, eine Erklärung über seine Wertung abzugeben. Das Publikum verlangte stürmisch danach. In seiner Erklärung brachte Herr Kaiser nun zum Ausdruck, dass Quickstep Quickstep bleiben sollte, was gezeigt worden sei, passe aber wohl zu einem Jive oder Charleston, nicht jedoch zu einem flüssigen Quickstep in festlicher Kleidung. Nach dieser Erklärung gaben 90 Prozent vom Publikum Herrn Kaiser recht und brachten dies durch starken Beifall zum Ausdruck.

Würden viele Wertungsrichter so beurteilen, wie es Herr Kaiser in diesem Fall tat, würden manche Turnierpaare sich mehr damit befassen, korrekte Technik, gute Körperlinie, ausgeglichene Bewegung zu erreichen, als viel Zeit darauf zu verwenden, attraktive Figuren für das Publikum einzulernen. Natürlich liegt es in erster Linie an dem Trainer, seine Paare in dieser Richtung zu leiten.

Bemerkenswert wäre noch festzustellen, dass im Vorturnier, welches von Wiener Paaren der C-Klasse bestritten wurde, die meisten Paare viel zu viele Figuren tanzten, ohne dass die technischen Voraussetzungen vorhanden gewesen wären. Ein Paar, das zum erstenmal in dieser Klasse tanzte und keinen Wert darauf legte, viele Figuren zu tanzen, sondern wenige, aber gute, konnte den 2. Platz behaupten. Hier hat es sich wieder bewiesen, dass nicht die Anzahl und Art der Figuren ausschlaggebend ist, sondern das ‚Wie‘. Die ‚Reinhaltung‘ der Standardtänze – eine der wichtigsten Aufgaben für 1956!“ (Franz Pauser, Wien)

 

Walter Kaiser war bis Ende Juli 1956 Leiter der inzwischen in Tanzschule Falkenschloss umbenannten ehemaligen Tanzschule Jenzer. Er unterrichtete weiterhin in Zürich und Winterthur, auch in Stuttgart und Berlin, und reiste zwischendurch immer wieder nach London. Dort wurde er auch von Eric Hancox zum Fellow I.S.T.D. ausgebildet. Und: er war auch auf der Suche nach einer neuen Partnerin.

Am 22. März 1958 fand im Kongresshaus Zürich der Ball des „Cercle Suisse Français de Zurich“ statt mit Show : „Mr Walter KAISER, professeur de danse, champion suisse 1952/53 présentera avec sa partenaire Mlle Marlyse KIESEL – RUMBA, SAMBA, ROCK AND ROLL EN ATTRACTION.“

 

 

Hier weiter zum 2. Teil

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