Bericht vom IDSF Wertungsrichter-Kongress

Im Visier des Wertungsrichters...

Im Visier des Wertungsrichters...


23.8.2009 in Stuttgart.
Während im Kongresszentrum in Stuttgart noch die letzten Spuren des 5‐tägigen Megaturniers beseitigt wurden, strömten am Sonntag nach der GOC rund 250 IDSF ‐ Wertungsrichter/Innen in die Alte Reithalle zur obligatorischen Weiterbildung. Der Zeitpunkt dieses jährlich in Stuttgart stattfindenden Kongresses ist optimal gewählt, denn die Wertungsrichter können so einen Besuch der GOC ideal mit dem Kongress verbinden. Für die Referenten wiederum bietet sich die Gelegenheit, an der GOC gesehene „Sünden“ direkt in ihren Referaten zu thematisieren.

Auf dem Programm standen je eine Lecture von Hans‐Reinhard Galke (Latein) und William Pino (Standard) sowie erste Informationen zum geplanten neuen Bewertungssystems durch die IDSF.

Zum Thema „Intelligent Choices“ hat Hans Galke die mehrfachen Latein Profi Weltmeister Bryan Watson und Carmen als Demonstrationspaar eingeladen. Sie unterstützten ihn eindrücklich, indem sie seine Ausführungen exzellent visualisieren konnten. Intelligent choices, ein komplexes Thema, werden doch den Wertungsrichtern von den Paaren auf der Fläche ein riesiges Angebot an unterschiedlichsten Choreographien, rhythmischer Gestaltungen, Interpretationen, Bewegungsabläufen, räumlicher Aufteilungen, charakteristischen Elementen, u.v.m. präsentiert. Und daraus muss der Wertungsrichter innert kürzester Zeit die richtige Wahl treffen.

Wie schon in früheren Lectures, wurde auch in diesem Jahr eindrücklich an die Wertungsrichter appelliert, sich für Qualität statt Quantität zu entscheiden. Natürlich fallen z.B. die Paare mit den raumgreiffendsten und schnellsten Promenade Runs in der Samba oder jene mit den höchsten und schnellsten Kicks im Jive sofort auf. Auch mit atypischen aus dem Brakedance oder dem Contemporary Dance entliehenen Bewegungselementen zieht man sehr rasch die Blicke auf sich. Zu den Aufgaben der Wertungsrichter gehört es, eine dem Tanz entsprechende, charakteristische, qualitativ hochwertige Darbietung von reiner Effekthascherei zu unterscheiden. Auch die von Kraft und Energie strotzenden Paare mit ihren explosiven, oft überbordenden Bewegungen fallen sofort auf, den Wertungsrichter beeindrucken sollen aber die Paare, welche ihre Energy bewusst einsetzen, steuern und kontrollieren können.

wm08-prolat-021Im weiteren Verlauf wurde auch demonstriert, wie wichtig die Themen Partnering und Führung sind. Zum Schluss wies Hans Galke eindringlich auf die grosse Verantwortung der Wertungsrichter hin, welche mit ihrer Entscheidung nicht nur das Ergebnis eines Turniers bestimmen, sondern auch massgeblich und nachhaltig die Entwicklung des Tanzsportes beeinflussen können. Mit einer gefühlvollen Rumba verabschiedeten sich Bryan und Carmen vom Publikum, welches sich mit einer Standing Ovation bedankte.

Dass man dieselben Betrachtungen auch bei der Bewertung der Standardtänze sinngemäss anwenden kann, liegt auf der Hand. Daher überrascht es nicht, dass auch für William Pino weder die Anzahl der absolvierten Flächenumrundungen, noch Aussehen, Körpergrösse oder Postur, sondern ganz alleine die Qualität zählt. Auch er wies auf die grosse Verantwortung hin, der man sich als Wertungsrichter stets bewusst sein sollte.

Als Schwerpunkt der Lecture ging Pino auf seine persönliche Sichtweise beim Werten ein. Seine drei Hauptbewertungskriterien sind Relationship, Musicality und Movement. Beim Thema Relationship geht es u.a. darum, dass auf der Fläche nicht zwei Individuen, sondern ein harmonisches, in den Leistungen ausgeglichenes Paar als Einheit sichtbar ist. Das Thema Relationship umfasst natürlich auch so wichtige Punkte wie nonverbale Kommunikation, Führen und Folgen. Beim Thema Musicality erwartet er u.a. von den Paaren, dass sie die jeweilige Charakteristik und sogar die Stimmung der einzelnen Musikstücke interpretieren und durch den Tanz sichtbar machen können. Dass ist natürlich ein Anspruch, den man vollumfänglich nur an Paare auf allerhöchstem Niveau stellen kann. Beim Thema Movement ging Pino nicht nur auf die Bewegungsqualität und den richtigen Einsatz von Energie und deren Kontrolle ein, sondern auch auf die räumliche Gestaltung der Choreographie, was wiederum das Thema Floorcraft mit einschliesst. Zusammen mit seiner Partnerin Allessandra Bucciarelli demonstrierte William Pino eindrücklich jeweils die einzelnen Punkte seines Vortrages.

Die IDSF nützte die Gelegenheit, um das geplante neue Bewertungssystem einem grösseren Publikum vorzustellen. Grundsätzlich geht es um einen Systemwechsel bei der Finalwertung weg von der heute angewendeten, vergleichenden Platzwertung, hin zu einer absoluten Benotung von 1 – 10, ähnlich wie wir dies vom Eistanz kennen. Bei diesem System müssen die Finalisten alle Tänze solo vortragen. Zum Einsatz kommen soll dieses neue System vorerst nur an wenigen ausgesuchten Veranstaltungen wie GrandSlam Jahresfinale, Weltmeisterschaftsfinale und bei den World‐Games.

Im Anschluss an die Präsentation hatten die anwesenden Wertungsrichter die Gelegenheit, ein Demoturnier nach dem neuen System zu bewerten. Zum Abschluss gab es eine interessante Frage‐ und Diskussionsrunde.

Tiefer möchte ich im Moment nicht auf das neue System eingehen, denn erstens befindet es sich noch im Entwicklungsstadium und zweitens ist der Einsatz vorderhand so eng begrenzt, dass in nächster Zeit (leider) kein Schweizer Paar damit in Berührung kommen wird. Auch wenn noch viele Fragen offen sind und der Aufwand für einen solchen Systemwechsel sehr gross ist, geht man damit aus meiner Sicht einen Schritt in die richtige Richtung.

Bericht von Daniel Helbling

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Geplantes Wertungssystem der IDSF:

idsf_new_judging_system-2009



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