Weltmeisterschaften Amateure und Professionals 1963, London

Bericht aus tanz-Illustrierte Juni 1963:

 

Die Royal Albert Hall in London und die WM 1963
Die Royal Albert Hall wurde 1847 erbaut und kurz nach dem Tode König Alberts, des deutschen Gatten der grossen Queen Viktoria, eingeweiht, dessen Namen sie trägt. Wie damals, so dient sie auch heute vorwiegend grossen Konzerten, im Zuge der Zeit allerdings abwechselnd mit Schauveranstaltungen vom Starfestival bis zum Boxkampf. Ausserdem gilt sie als Londons schönster Turniersaal.

wm_1963

Hans-Georg Schnitzer:

London liebt Turniere anders
Ob Amateur oder Tänzer von Beruf – wer sich in der Bundesrepublik durch einen Meistertitel einen Namen gemacht hat, wird von den Organisatoren auf Händen zum Turnier getragen und schwebt wie ein kleiner Gott vom Parkett. Am Anfang des Blütenteppichs, der von Bahnhof, Flugplatz oder Auto über das Hotel zum Turniersaal führt, steht der Meister mit dem etwas verlegenen Lächeln des Bescheidenen.

Anders in London. Niemand am Bahnhof, niemand am Flugplatz, niemand im Hotel. Englische Turnierorganisation ist ein seelenloses Räderwerk, allerdings von höchster Präzision. Wie könnte es anders sein in einem Lande, in dem es Wochenende für Wochenende Tausende von Paaren zu sortieren gilt, in dem der Turniertanz alljährlich mehr Steuergelder aufbringt als – in der Heimat des Fussballs – der Fussball. Hier ist Tanzen Volkssport mit dem Ton auf Volk.

Die Gesellschaft kümmert sich nicht um Turniere. Ihre Veranstalter sind Manager der Vergnügungsindustrie. Die Tanzlehrer überwachen lediglich die Spielregeln. Sie laufen mit im Getriebe, das Wertungsrichtern und Publikum am laufenden Bande Turnierpaare zuführt, den einen, damit sie die Spreu vom Weizen sondern, den anderen, damit sie sich unterhalten oder in den Pausen selbst zu so berühmten Tanzorchestern wie Victor Silvester, Joe Loss, Edmundo Ross oder Cyril Stapleton tanzen können, natürlich in riesigen Sälen, in denen sich ein solches Orchester bezahlt macht. Die Weltmeisterschaft wird durch Eurovision übertagen. Da machen sich in dem kleineren Saal, der Royal Albert Hall, die Londons schönster Turniersaal ist, alle vier Orchester auf einmal bezahlt. Um so straffer schwingt Mister Morley über allen Beteiligten die seidene Peitsche. Er ist Chefingenieur der grossen Turniermaschine, der Organisationsdirektor eines der grössten Londoner Vergnügungskonzerne, von „Mekka Dancing“. Ein Mann mit einem gewinnenden Lächeln und der harten Hand eines Artistenboss.

Pünktlich auf die Sekunde eröffnet er das Turnier vor gähnend leeren Sitzreihen – 6000 Orchestersesseln und 120 Logen – mit strahlendem Gesicht, und die Paare gehen fröstelnd in die ersten Runden. Während das Gros der schon so früh eingetroffenen Zuschauer aus London noch an den Theken steht, draussen im endlosen Gewirr der Treppenhäuser und Gänge.

Morley weiss freilich: An Vor- und Zwischenrunden ist man in London nicht interessiert. Die Londoner kommen, wenn es spannend wird. Der Hauptschub ist ohnehin erst am zweiten Abend zu erwarten. Daher lädt er die Zuschauer, die 15 m hoch über den drei Logenrängen auf den Topreihen sitzen, nach geraumer Zeit auf die besseren Plätze ein. So fühlen sich die Endrundenpaare schliesslich im weiten Rund eines begeisterten Publikums geborgen. Der Schlussakkord wird zum grossen Erlebnis für alle.

Am zweiten Abend, mit den Neun-Tänze-Turnieren, bei fast vollen Haus, entfacht Morley die Tanzbesessenheit der Londoner zum Sturm. Mit gellenden Zurufen feuern die Zuschauer ihre Favoriten an. Erst einzeln, dann in Wellen erschallen die Nummern der beliebtesten Paare, setzen sich die Freunde für die Freunde, die Kenner für die hervorragendsten Tänzer, die Schüler für ihre Lehrer ein. Die Royal Albert Hall wird zu einem einzigen brodelnden Kessel der Freude am Tanz. Und Morley lächelt mit abgespannten Zügen. Von dieser Weltmeisterschaft wird die Tanzwelt sprechen…

Dankbar drückt er dem stillen, freundlichen Mann die Hand, der die Turnierfäden der ganzen Welt in den Händen hält, Arthur R. Franks, dem Präsidenten des Internationalen Rates für Gesellschaftstanz. Die Weltmeisterschaft über neun Tänze – das war die Krone! Zufrieden? fragt er. Franks nickt – und schweigt darüber, was der Internationale Rat gerade beschlossen hat: 1964 wird keine Weltmeisterschaft über neun Tänze ausgetragen werden. Es wird bei Amateuren und Professionals nur je einen Standard- und einen lateinamerikanischen Meister geben.

„Wir machen das anders als in Berlin oder New York“ – sagt uns Morley anschliessend in der improvisierten Bar in einem Umkleideraum hinter der Orchesterbühne – „schliesslich bestimmt das Publikum den Stil!“ Und der lange Alex Moore tritt, die deutschen Erfolge mit beiden Fingern aufzählend, hinzu: „Neun von 36 Plätzen für Deutschland – ein Viertel aller Preise!“ In der Plaudergruppe daneben gratulieren Tanzlehrer vom Kontinent Gerd Hädrich, dem Trainer des lateinamerikanischen Weltmeisters Bernhold, der gegen eine ganze Serie von Anhängern der englischen Trainerin Nina Hunt dem gesellschaftlicher wirkenden Tanzstil der erfolgreichen Hamburger mit zum Siege verholfen hat. „Und das bei nur einem deutschen Wertungsrichter!“

Das „kubanische“ Duell gewannen Bernholds
Die Amateur-Weltmeisterschaft in den latein-amerikanischen Tänzen war aus vielen Gründen die interessanteste; denn der zu erwartende Dreikampf zwischen den Titelverteidigern von 1962, Bernholds, und den beiden Angreifern – Breuers, die den Titel früher besessen hatten, sowie dem englischen Aufstiegspaar Westley – war zugleich das Ringen zweier Trainingslager. Seit zwei Jahren hat es die hervorragende englische Trainerin Nina Hunt verstanden, weite Kreise der europäischen Spitzenpaare von dem sogenannten kubanischen Rumba-System zu überzeugen, das in seiner Technik auch auf die Interpretation anderer LA-Tänze abgefärbt hat. Aber nicht nur die Amateure Westley, Breuer und Fischer haben bei Nina Hunt trainiert. Sie folgten vielmehr einer Anregung, die ein durch Fred Dieselhorst in Bensheim veranstaltetes Profitrainingslager gegeben und auch deutsche Berufstanzpaare, u. a. Krehns und Ferns veranlasst hatte, bei Nina Hunt Unterricht zu nehmen, nachdem die Züricher Kaisers erfolgreich mit dem „Sistema Cubano“ nach vorn gekommen waren. Und in London wusste jeder fachlich versierte In- oder Ausländer, dass Gerd Hädrich, der latein-amerikanische Trainer der Bernholds, einer anderen, der modernisierten, auf dem Bolerostil basierenden Rumba den Vorrang gab.

Natürlich ging es in diesem Dreikampf nicht um die Rumba allein. Da in London nicht offen gewertet wurde, konnte ohnehin niemand erkennen, ob die Rumba den Ausschlag gab – wohl aber den Unterschied in der Gesamtauffassung und der ihres Abkömmlings, des Cha-Cha-Cha. Die englische Version wirkt kühler, technischer, aber akzentuierter, die kontinentale – wie wir die Viereckform einmal nennen wollen – ausrucksreifer, eleganter. Sie lässt dem Paar mehr Freiheit zur Entfaltung seiner eigenen tänzerischen Persönlichkeit. In Vor- und Zwischenrunde hätte man ohne weiteres mehrere Paare der Mittelklasse zu Formationen zusammenfassen können. Sie waren, nach einem einheitlichen „englischen“ Klischee trainiert, tänzerisch kaum zu unterscheiden. Variabler wurde das Bild im Samba und vollends im Paso doble, der ja besonders augenfällig macht, was die Persönlichkeit jedes einzelnen Partners in die Interpretation der Figuren hineinzustecken vermag.

Dass angesichts dieser Hintergründe in England ein deutsches Paar, das nicht in England trainiert hatte – Dr. Jürgen und Frau Helga Bernhold aus Hamburg – zum Weltmeister ausgerufen wurde, wird umso mehr zur Sensation, als die lateinamerikanischen Runden von einer siebenköpfigen Jury bewertet wurden, in der Detlev Hegemann der einzige Deutsche war. Neben ihm werteten
Charles Paumen, Belgien
Gaston d’Erlimont, Frankreich
Thomas Bus, Holland, sowie die Engländer
Constanze Grant
Eric Hancox.

Die beiden besten Interpreten des Nina-Hunt-Trainings, Westleys (2. Platz) und Breuers (3. Platz) hätten auch umgekehrte Plätze einnehmen können, wenn Ursula Breuer, ebenso enorm verbessert wie ihr Partner, jedoch offenbar durch das kubanische System gebremst, ihre starke tänzerische Ausdruckskraft hätte voll entfalten können. Vierte wurden Derek und Sheila Hillyard (England), Fünfte Hans und Luise Pfeiffer (Österreich) und Sechste das französische Paar Ovice.

Dabei hätten wir eher Pfeiffers vor Hillyards und Fischers vor Ovices gesehen. Ovices Hineinschlüpfen in die Endrunde lässt sich wohl allein damit erklären, dass die Wertungsrichter selbst von der enormen Spannung erfasst waren, die der Kampf um die Spitze auf das ganze Haus ausstrahlte.

Im Standard waren Breuers besser
Bei den Standardtänzen traten Bernholds nicht mit in Konkurrenz. Die Überraschung in diesem Feld waren, da man Westleys Überlegenheit schon kannte und bald wieder bestätigt sah, Karl und Ursula Breuer. Wir haben sie selbst in ihrer Glanzzeit kaum in solch grosser Form erlebt. Und diese Begeisterung teilte nicht nur ihr Wiener Walzer-Trainer Paul Krebs, nicht nur Gerd Hädrich, der sich vor allem über Ursula Breuers „unglaublich verbesserte Schulterhaltung“ ausliess, sondern sogar Eric Hancox, der nach der vor zwei Jahren in London ausgetragenen Weltmeisterschaft in Presseartikeln keinen guten Faden an Breuers gelassen und sie nun, wie er uns sagte, auf seinem Wertungszettel auf den zweiten Platz gesetzt hatte. Ihrem englischen Trainer, Mr. Thiebault, drückte Alex Moore nach der Siegerverkündung mit den Worten die Hand: „Du hast aus Breuers ein feines Paar gemacht!“ Und Thiebault lächelte resigniert zurück: „Wer aber hat Holshuysens auf den dritten Platz gehoben?“

Das war die Frage, die für viele nach den Standardrunden offen blieb! Denn Breuers waren den Zweiten, Coad / Thompsen (England) fast ebenbürtig. Hier hat wohl ein Quäntchen jener grossen Beliebtheit mitgespielt, deren sich die sympathischen Holländer in allen Ländern Europas erfreuen. So wurden Breuers nur Vierte, gefolgt von den dänischen Paaren Frederiksen und Hybel.

Westleys und der deutsche Schub
Die Weltmeisterschaft über neun Tänze wiederzugewinnen, erschien schon nach den ersten Runden für Bernholds als unmöglich. Sicherlich haben sie ihre Chance am Vorabend der letzten grossen Anstrengung ebenso überrechnet wie die Funktionäre und die Schlachtenbummler, die bis früh drei Uhr in der Halle des Hotels Waldorf über das Erlebte und das zu Erwartende debattiert hatten. Westleys als Standard-Weltmeister und LA-Vizemeister – so hatte man kombiniert – würden durch jeden Tanz, den Breuers Bernholds abnehmen könnten, gewissermassen durch einen deutschen Schub sicher in den Sattel des Allrounds-Weltmeisters gehoben. Und so ist es dann auch gekommen. Denn Breuers waren in den Standardtänzen noch am zweiten Abend so stark, dass sie Bernholds – es wurde wieder verdeckt gewertet – die eine oder andere wertvolle Platzierung abgenommen haben dürften. So hatten Westleys verhältnismässig leichtes Spiel, an zwei Tagen nacheinander zwei Weltmeistertitel zu erringen. Um so höher ist der Vizeweltmeister für Bernholds zu bewerten, den sie – in vielen Runden mit todernster Miene – mit der verbissenen Einsamkeit eines Paares erkämpften, das einen Angreifer schon auf dem Gipfel weiss und den Atem des Verfolgers im Nacken spürt. Breuers kamen auf den dritten Platz vor Coad / Thompson (England), Holshuysens (Holland) und Frederiksens (Dänemark). Um den sechsten Platz hat es viele Debatten gegeben. Je nach Landesmannschaft und Stilauffassung, wollten die einen Pfeiffers, andere Hybels, andere Fischers und wieder andere Kannemann / Breitkopf aus der Zwischen- in die Endrunde aufgerückt sehen.

Die Welt-Rangliste 1963 der Amateure und Professionals

STANDARD

Amateure:
1. John und Betty Westley, England
2. George Coad und Pat Thompson, England
3. Henk und Rita Holshuysen, Holland
4. Karl und Ursula Breuer, Deutschland
5. John und Ella Frederiksen, Dänemark
6. Erik und Dorit Hybel, Dänemark

Professionals:
1. Bill und Bobbie Irvine, England
2. Bob Burgess und Doreen Freeman, England
3. Wim Voeten und Jeanne Assman, Holland
4. Siegried und Anneliese Krehn, Deutschland
5. Walter und Marianne Kaiser, Schweiz
6. Ernst und Helga Fern, Deutschland
LATEIN

Amateure:
1. Dr. Jürgen und Helga Bernhold, Deutschland
2. John und Betty Westley, England
3. Karl und Ursula Breuer, Deutschland
4. Derek und Sheila Hylliard, England
5. Hans und Luise Pfeiffer, Österreich
6. Herr und Frau Ovice, Frankreich

Professionals:
1. Walter Laird und Lorraine Reynolds, England
2. Bill und Bobbie Irvine, England
3. Walter und Marianne Kaiser, Schweiz
4. P. van Reenen und R. Meister, Südafrika
5. Wim Voeten und Jeanne Assman, Holland
6. Wolfgang und Evelyn Opitz-Hädrich, Deutschland
ALLROUND (9 Tänze)

Amateure
1. John und Betty Westley, England
2. Dr. Jürgen und Helga Bernhold, Deutschland
3. Karl und Ursula Breuer, Deutschland
4. George Coad und Pat Thompson, England
5. Henk und Rita Holshuysen, Holland
7. John und Ella Frederiksen, Dänemark

Professionals:
1. Bill und Bobbie Irvine, England
2. Bob Burgess und Doreen Freeman, England
3. Wim Voeten und Jeanne Assman, Holland
4. Walter und Marianne Kaiser, Schweiz
5. Siegfried und Anneliese Krehn, Deutschland
6. Michael Needham und Monica Dunsford, England

 

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