Turniere am Funkturm: STÜRZE, TRÄNEN, TELE-VISIONEN / Ein Tauziehen zwischen Tanz- und Fernsehregie

tanz-Illustrierte Oktober 1963:

 

STÜRZE, TRÄNEN, TELE-VISIONEN / Ein Tauziehen zwischen Tanz- und Fernsehregie

In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hat vor etwa Jahresfrist ein Leser den sportlichen Gehalt des Turniertanzes mit der Begründung bestritten, auf dem Sportplatz der Tänzer gäbe es keine Zwischenfälle wie bei anderen Disziplinen. Dieser Leser wäre in Berlin während der Grossen Rundfunk-, Phono- und Fernseh-Ausstellung voll auf seine Kosten gekommen, und zwar gleich an drei Tagen hintereinander.

Am Donnerstag stürzte in einer Cha-Cha-Cha-Runde während des Turniers das holländische Meisterpaar Wim Voeten / Jeanne Assman sowie das englische Schautanzpaar Eric Hancox / Anne Green auf offener Szene. Beide lachten noch – äusserlich.

Am Freitag kamen zwei Formationstänzerinnen zu Fall und „schmissen“ auf diese Weise schuldlos den kunstvollen Aufbau der Darbietung auch für die anderen mit ihnen gemeinsam tanzenden Amateurpaare. Die Zuschauer mussten sie für die „Schuldigen“ halten. Das war für ihre Nerven zuviel. Tränen! Dasselbe wiederholte sich am Samstag bei zwei anderen Formations-Amateuren.

Schluchzend verliess am Samstag nach einem Sturz die Partnerin von Bob Burgess, Doreen Freeman, das Parkett. Monate lang hatte sie in einem Londoner Krankenhaus gelegen, um einen schweren Bandscheibenschaden ausheilen zu lassen, und nun befürchtete sie, diese Tortur könnte als Folge ihres Sturzes erneut beginnen.

 

Sägespäne und Sand als „Walzerflocken“

Die über einem Wasserbecken errichtete Tanzfläche unter freiem Himmel im Sommergarten am Funkturm – ohnehin kein Parkett, sondern ein am Rande sanft gewellter provisorischer Linoleumboden – war an den kühlen Turnierabenden durch den Tau des Kondenswassers von halsbrecherischer Glätte. Die feuchten Schwaden nässten die Fläche derart, dass sich in den Linoleumwellen hin und wieder kleine Pfützen bildeten. Diesen ging man zunächst mit Sägespänen zuleibe, und als auch das Sägemehl die Glätte nicht mehr zu bannen vermochte, mit Scheuersand.

Wer will es den Paaren, den fröstelnden Partnerinnen verübeln, wenn sie am dritten Abend vom „Zirkusboden“ auf das trockene Parkett der Halle dahinter hinwiesen, auf dem sie nach Tagen des verkrampften Tanzens all ihre Kunst hätten entfalten können. Das „Ansinnen“, das Turnier in diese Halle zu verlegen, wurde jedoch von der Fernseh-Regie rundweg abgelehnt. Dort sei nicht genügend Platz für die Kameras, im übrigen sei auch nicht genügend Zeit für den Umbau vorhanden. Die Paare konterten, dann solle das Fernsehen auf die Life-Sendung verzichten und die Ampex-Aufzeichnung vom Vortage übertragen („Der Freitagabend war noch der beste schlechte Abend!!“) man werde auf der nassen Fläche kaum über Grundschritte hinaustanzen können. Und das sei internationalen Spitzenpaaren nicht zuzumuten. Die Fernseh-Verantwortlichen wiesen den Vorschlag mit Begründung zurück, die Ampex-Aufzeichnung sei nicht einwandfrei.

Sie pochten auf ihren Vertrag mit dem Veranstalter Richard Keller. Für die folgende Äusserung Fernsehkundiger gibt es keinen Beweis: Das Fernsehen habe am Freitag jene Überblendungen geübt, die sich dann am Samstag als so äusserst wirkungsvoll bestätigten – und tanzende Paare im Sprudeln der Wasserfontänen – und habe diese Schaubilder bei der Übertragung verstärken wollen. Wie dem auch sei – die über dem Mischpult erzielten Effekte, die Vereinigung von Musik, tänzerischer Bewegung und Wasserspiel, mögen den Millionen daheim im warmen Fernsehsessel auch Ahs und Ohs entlockt haben. Für die Paare bedeutete der halb vom Fernsehen erzwungene, halb von den Akteuren in sportlicher Bereitschaft schliesslich doch zugestandene nasse Start einen krassen Misston: Die Preisgabe sportlicher Grundsätze zugunsten der Schau.

„Safety first!“

Auf dem Fussballplatz müssen Abertausende auf den Rängen und Millionen an den Fernsehschirmen auf das Spiel verzichten, wenn die sportliche Führung den Platz im Hinblick auf die Gesundheit der Sportler nicht freigibt. Von keinem Eiskunstläufer wird ein Start verlangt, wenn er mit den Schlittschuhen im weichen Eis zu tief einsinkt. Für den Schispringer wird die Schanze bei schlechten Witterungsbedingungen gesperrt. Und auf dem nassen Rennplatz verzichtet man auf den Startschuss zugunsten der Pferde. Turnierpaaren aber kann man es getrost zumuten, ihre Gesundheit auf’s Spiel zu setzen, wenn die Fläche erwiesenermassen – nach den an den Vortagen erlebten Stürzen – untauglich ist? – Es kommt noch besser: Als Paul Krebs, der 1.Vorsitzende des ADTV, beantragte, die Paare wenigstens gegen Gesundheitsschädigungen durch Sturz zu versichern – es wird von einer Garantie von DM 1000.- je Woche bis zur Rückkehr ins Berufsleben gesprochen – verwiesen die Vertreter des Fernsehens auf den Vertrag. Ein solcher Passus ist nicht vorgesehen…

„Und weshalb haben Sie dennoch getanzt?“ fragte der Interviewer einige Paare. „Weil das Turnier auf Berliner Boden stattfand und weil wir gerade unsere Berliner Kollegen nicht im Stich lassen wollten!“ Ein Wort aus dem Munde von Ausländern, das fürwahr geeignet ist, als Dokument in die Geschichte der Tanzturniere in Deutschland einzugehen. Die Vorgeschichte jedoch ist leider ein Trauerspiel, das nicht etwa erst im September begann.

Wir haben schon wiederholt die Stimme dagegen erhoben, unsere Turnierpaare – Amateure wie Professionals – aus dem Regiekorsett jener zu befreien, die ohne Rücksicht auf die Tanzsportler auf die Sekundenzeiger blicken, oder, wenn das Fernsehen mit ihm Spiel ist, Tanzflächen zum Start freigeben, die normalerweise noch nicht einmal für den Allgemeintanz geeignet sind. Wir erinnern daran, dass vor zwei Jahren in Berlin an der gleichen Veranstaltung schon einmal bei mangelhaftem Boden getanzt werden musste. Damals war zuviel Persil auf die Fläche geschüttet worden. Wir erinnern daran, dass im Vorjahr in Wiesbaden bei der Europameisterschaft ein durch Ölbehandlung stumpf gewordener Boden die Paare so weit überforderte, dass eine Partnerin einen Nackenkrampf erlitt. Wir erinnern daran, dass bei der vorjährigen Deutschen Amateur-Meisterschaft in Kassel um ein Haar das Vizemeisterpaar ausgefallen wäre, weil den erschöpften Stichrundenpaaren im Hinblick auf die Programmerfüllung für das Fernsehen keine Pause eingeräumt werden konnte. Man sage nicht, es sei das Fernsehen an allem schuld. Fernseh-Regisseure handeln, wenn sie auf die Erfüllung der Sekundenpläne dringen, im Auftrag von Millionen, die einen pünktlichen Programmbeginn verlangen. Freilich wird dieser Auftrag von einigen nur aus Prinzipienreiterei vorgeschoben, während andere ohne weiteres auf Bedenken der Turnierveranstalter, ob Klubpräsidenten oder Tanzlehrer, eingehen und sich dem Gesichtspunkt nicht verschliessen, dass Tanzturniere doch zumeist als letzter Beitrag gesendet werden und allein schon deshalb auf die Paare Rücksicht genommen werden kann. Es gibt aber auch Veranstalter, die zu allen Forderungen des Fernsehen Ja und Amen sagen, weil sie meinen, für die Paare genug getan zu haben, wenn „sie ihnen Gelegenheit geben, im Fernsehen gesehen zu werden“!

Doch zurück nach Berlin: Es soll durchaus nicht nach Schuldigen gesucht werden. Die Ehe „Fernsehen – Gesellschaftstanz“ ist noch verhältnismässig jung. Freilichtturniere sind eine Seltenheit. Vor zwei Jahren waren die Turniere am Funkturm von herrlichem Wetter begünstigt gewesen. Der Berliner Sommer erlaubt mehr Optimismus als der Sommer anderer Grossstädte. Und schliesslich war die Halle hinter der „schwimmenden“ Tanzfläche nicht von ungefähr leer. Es hätte ja auch regnen können.

Die Antwort auf die Frage, was die Fernsehregie in Berlin dann ermöglicht hätte, liegt auf der Hand. Diesmal ist sie im Tauziehen mit den Organisatoren stärker geblieben – auf Kosten des Turniers. Aber Amateure wie Professionals haben durch ihre Verbände Verträge mit dem Fernsehen abgeschlossen. Diese Verträge laufen einmal ab. Und dann können Bedingungen eingebaut werden wie etwa diese:

Ist ein Turnier im Freien geplant, so soll es nur bei einwandfreiem Wetter durchgeführt werden. Daher ist eine Ausweich-Veranstaltung in einem Saal vorzubereiten.

Der Zustand der Tanzfläche muss für die Paare sowohl im Hinblick auf die sportlichen wie die gesundheitlichen Bedingungen zumutbar sein!

Erklären sich die Paare trotz widriger Umstände im Sinne der vorstehend aufgeführten Behinderungen im Interesse des Fernsehens doch zum Start bereit, so übernimmt das Fernsehen einen zusätzlichen Versicherungsschutz.

 

Elite mit Anfängerschritten

So lässt sich verhindern, was in Berlin geschehen „musste“: Weltbeste Turnierpaare tanzten Grundschritte und Figuren aus dem Anfängerprogramm. Nicht uninteressant! Aber unter den geschilderten Umständen gelangen selbst diese nicht immer einwandfrei. Der sportliche Wert der Berliner Turniere war gleich null.

Wertungsrichter Alex Moore hat es offen ausgesprochen: „Ich habe gar nicht gewertet, sondern den Paaren jene Plätze gegeben, die ihnen in meiner persönlichen Rangliste gebühren!“ Turnierleiter Bruno von Kayser: „Es blieb den Wertungsrichtern keine andere Wahl“ Turnieramtsleiter Fred Dieselhorst: „Das war noch die anständigste Form, den Paaren für ihre sportliche Einstellung zu danken, in der sie unter den gegebenen Umständen überhaupt tanzten.“

So sind die Spätsommer-Ergebnisse von Berlin das Resultat von Frühsommerbeobachtungen, und es wäre doch nach den Ferien gerade besonders interessant gewesen, den Trainingsgewinn oder -verlusten jener Paare nachzugehen, die man von früheren Turnieren her als „Nahkämpfer“ kennt – im Wettstreit um den besseren Platz im internationalen Feld.
Wertungsrichter:
Standard: Fink, Hädrich, Krebs, Moore, von Schlesinger

Latein und „Mix“
Dieselhorst und Haase traten für Finck und Hädrich ein.
Ergebnisse auf einen Blick:

Standard:
1. Irvine
2. Burgess / Freeman
3. Voeten / Assman
4. Kaiser
5. Fern
6. Gemind
Latein-amerikanisch:
1. Laird / Lorraine
2. Irvine
3. Kaiser
4. Opitz-Hädrich
5. Gemind
Mix (St. u. La-Auswahl):
1. Irvine
2. Kaiser
3. Opitz-Hädrich
4. Voeten /Assman
5. Gemind

 

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