Marcel Rohrer, Chef der Line Dancer

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Seit fünf Jahren ist Marcel Rohrer Präsident der Swiss Country Western Dance Association. Vor rund 20 Jahren konnte der gelernte Konditor-Confiseur sein Hobby zum Beruf machen und führt heute die Tanzschule Line Dance Hall in Kreuzlingen. Wie er sich in der von Frauen dominierenden Tanzart zu Recht findet, erzählt er exklusiv im Interview.

 

Interview mit Marcel Rohrer
durch Daniel Schacher, TanzVereinigung Schweiz TVS

 

 

Marcel_1Marcel Rohrer, du bist Präsident der Swiss Country Western Dance Association SCWDA. Wann wurde der Verband gegründet?

Lass mich überlegen. Gegründet wurde der Verein 1997. Somit feiern wir im nächsten Jahr bereits unser 20-jähriges Bestehen. Ein guter Hinweis, um die Feier langsam ins Rollen zu bringen (lacht).

Wie lange bist du schon Präsident?

Noch nicht so lange. Vor fünf Jahren habe ich das Präsidium übernommen. Vorher hatte der SCWDA lange gar keinen Präsidenten. Die Aufgaben wurden im Vorstand aufgeteilt. Bis der damalige Präsident vom Schweizer Tanzsport Verband, Walter Varisco, mit uns Kontakt aufnehmen wollte und keine Ansprechperson fand. Da wurden wir uns bewusst, dass dies gegen aussen ein schlechtes Bild abgibt und wir wieder einen Präsidenten haben müssen, welcher die repräsentativen Aufgaben des Verbandes übernimmt. Nach kurzer Bedenkzeit habe ich mich für die Wahl zum Präsidenten zur Verfügung gestellt.

Welche Absichten und Ziele verfolgt der Verband?

Die Absicht bei der Gründung bestand darin, einer wachsenden Szene ein Gesicht zu geben. Es gab Leute, welche prophezeiten, die Country Western Dance Szene werde noch richtig gross. Ich persönlich habe zu diesem Zeitpunkt noch nicht daran geglaubt (lacht). Mit unserem Verein, Rising Moon, waren wir trotzdem bei der Gründung mit dabei, um einen Zusammenhalt zwischen den Vereinen zu gewährleisten. Die Zielsetzungen waren zu Beginn ganz andere. Man wollte verschiedene Tanzlehrer aus dem Ausland in die Schweiz holen, um die Schweizer Tanzlehrer aus- und weiterzubilden. Diese sollten über den Verband finanziert werden. Früher, als das Internet noch nicht so fortgeschritten war, kämpften wir mit der Herausforderung, neue Tänze und Choreographien kennenzulernen.

Der Verband übernahm zudem die Verantwortung für die Durchführung der Schweizermeisterschaften. Die Swiss Open, wie die Schweizermeisterschaften genannt werden, wird von einem Organisationskomitee organisiert. Dabei ist der OK-Präsident immer ein Vorstandsmitglied des Verbandes.

Wie hat sich die Country Western Dance Szene in den vergangenen 20 Jahren entwickelt?

Es kommt auf den Bereich an. Bei den Meisterschaften gab es früher viel mehr Tänzerinnen und Tänzer, welche an Turnieren teilnahmen. Doch mit der Zeit nahmen die Teilnehmerzahlen ab. Langsam zieht es wieder ein wenig an. Es ist schwierig, konkrete Gründe dafür zu finden. Die gleiche Problematik finden wir auch im Ausland. Ich war ab 1996 regelmässig an den Europameisterschaften in Holland, wo Country Western Dance zu den populärsten Tanzarten gehört. Mit über 3`000 Teilnehmern war es früher ein riesiges Fest. Aber auch in Holland sind die Zahlen rückläufig. Letztes Jahr waren vielleicht 300-400 Teilnehmer vor Ort. Wo früher noch 40 Teams gegeneinander antraten, sind es heute noch 3-4 Teams.

Der Breitensport dagegen ist explosionsartig gewachsen. Der Verband zählt in diesem Jahr mehr als 1000 Mitglieder. Das ist unglaublich!

 

 

SCWDA

 

Wie sieht ein typischer Line Dancer aus?

Ein typischer Line Dancer ist sicher eine Frau (lacht). Sie ist zwischen 45-55 Jahre alt. Meistens sind die Kinder in diesem Alter ausgewachsen, weshalb die Frauen über mehr Freizeit verfügen und diese gerne ausleben möchten. Wenn dann der Mann wenig vom Tanzen hält, ist Line Dance genau das richtige.

Kannst du das Verhältnis in Prozent etwas konkreter ausdrücken?

Wenn ich meine Tanzschule als Beispiel nehme, sind es ungefähr 95% Frauen. An den Events ist das Verhältnis dann ein wenig ausgeglichener. Zum Beispiel am Trucker & Country Festival in Interlaken schätze ich das Verhältnis auf etwa 80% Frauen und 20% Männer. Ich habe mir auch schon überlegt, einen speziellen Kurs nur für Männer anzubieten. Jedoch habe ich mich bis heute noch nicht getraut, diesen auch durchzuführen (lacht).

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Gibt es spezielle Angebote für Jugendliche?

Die Kinder und Jugendlichen anzusprechen, ist sicher nicht die einfachste Aufgabe. Es gibt jedoch Möglichkeiten, die Vorteile vom Line Dance via Ferienpass etwas näher zu bringen. Wenn Kinder in einer Tanzschule mitmachen, sind dies meistens die Kinder der Eltern, welche ebenfalls Mitglieder des Tanzclubs sind. Dort ist genau das Problem: Weil der typische Line Dancer bereits ausgewachsene Kinder hat, kommen wir zu spät oder überhaupt nicht mehr an die Kinder heran. Hinzu kommt, dass Line Dance ganz klar eine Randsportart ist. Es ist bei den Jugendlichen nicht cool genug. ABER das Image ist schlechter, als es eigentlich ist. Line Dance kann man zu jeder Musik tanzen! Country Musik ist traditionell sicher ein wichtiger Bestandteil. Doch kann auch sehr gut zu aktuellen Hitparaden Songs getanzt werden. Kommt ein neuer Song heraus, geht es nicht lange und man findet im Internet eine Line-Dance-Choreographie dazu.

 

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Gibt es denn Projekte, um das Image ein wenig aufzubessern? Gerade auch für die Jugendlichen?

Konkrete Projekte bestehen nicht. Aber eine Überlegung ist es sicher wert. Im Moment stehen wir vor dem Luxusproblem, dass wir viele Mitglieder haben. Zudem kann der Verband höchstens als Antreiber die Sache in die Hand nehmen. Die Tanzschulen und Clubs sind für solche Image-Verbesserungen viel näher bei den Leuten.

Swiss Open 2016Welches sind die wichtigsten Anlässe in der Schweiz?

Es sind mehrere Anlässe, welche einen hohen Stellenwert besitzen. Anfang Jahr ist die Swiss Country Western Dance Party. Der letzte Präsident, Roland Gutzwiller, hat diesen Event vor 15 Jahren ins Leben gerufen. Dazumal hat man in Zofingen einen zentralen Standort gefunden. Bereits bei der ersten Durchführung kamen über 200 Besucher. Wir waren überwältigt. In den darauffolgenden zwei Jahren konnten wir die Besucherzahl kontinuierlich steigern, bis wir an einem Punkt angelangt waren, wo wir nicht mehr alle Besucher aufnehmen konnten. Daraufhin wechselten wir den Standort und fanden in Wettingen eine Halle mit 1000 m2. Über 700 Besucher hatten Platz. Mehr aber nicht. Ein Jahr später waren neben den 700 Besuchern ganze 50 Personen auf der Warteliste! Und wieder waren wir an einem Punkt angelangt, wo wir uns sagen mussten: Wir brauchen noch mehr Platz! Heute führen wir den Anlass in Langenthal durch wo wir in diesem Jahr mit 1002 Besuchern wieder ausverkauft waren.

Dann gibt es das Trucker & Country Festival in Interlaken. Seit zehn Jahren ist der Verband ein Partner des Festivals und seit zwei Jahren ist Line Dance offizieller Programmpunkt. Der Verband ist verantwortlich für eine von vier Bühnen, wo verschiedene Workshops angeboten werden oder Showgruppen ihre Auftritte haben. Ich selber bin am Abend noch DJ, damit die Line Dancer auch am Abend auf ihre Kosten kommen (lacht).

Der typische Line Dancer ist weiblich und um die 50 Jahre alt. Wie bist du den zum Line Dance gekommen?

Als 17- oder 18-Jähriger habe ich einen Standardtanzkurs belegt. Dieser hat mir zwar Spass gemacht, aber absolut begeistert vom Tanzen war ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Bei meinem Aufenthalt in Kanada habe ich durch Zufall das Line Dance entdeckt. Dort hat mich das Line Dance Fieber gepackt! Zurück in der Schweiz habe ich in Niederurnen die Tanzgruppe Evolution entdeckt. Von da an bin ich mit meinen zwei Kolleginnen jeden Mittwoch eine Stunde nach Niederurnen gefahren, um dort meiner Leidenschaft nachzugehen. Später haben wir zu dritt den Verein Rising Moon gegründet, bei welchem ich seit Anfang an Präsident bin und in diesem Jahr das 20-jährige Bestehen feiern durfte.

 

 

Marcel2Präsident von Risingmoon, Präsident von der Swiss Country Western Dance Association. Daneben die Tanzschule Line Dance Hall, welche du führst. Gibt es da noch Zeit für weitere Projekte?

Im Moment bin ich mit all den Aufgaben ausgelastet. Jedoch nehme ich mir gerne Zeit für meine Tochter, welche richtig angefressen ist vom Line Dance. Zusammen gehen wir an verschiedene internationale Turniere wie zum Beispiel nach Mallorca, Holland oder Berlin. Vor einigen Wochen hat sie sogar ein Turnier in Berlin gewonnen!

Welches ist dein persönliches Jahreshighlight?

Die Swiss Country Western Dance Party war schon zu Beginn des Jahres ein riesen Highlight. Mit über 1002 Anmeldungen erlebten wir einen unglaublich tollen Event. Auf was ich mich noch freue ist das Trucker & Country Festival in Interlaken. Drei Tage lang Party, auch wenn ich dabei voll engagiert bin. Es macht einfach Spass, zusammen zu tanzen und zu feiern. Auch die Schweizermeisterschaft vom 2. – 4. September im Hotel  Banana City in Winterthur, zähle ich zu meinen Highlights.

Auf der Homepage bin ich über euer Dance Floor Etikette gestossen. Um was geht es bei diesem Etikette genau?

Die Etikette gibt es schon seit eh und je. Dabei geht es hauptsächlich um die verschiedenen Sektoren auf der Tanzfläche, auf welchen sich die Line Dancer und Couple Dancer aufzuhalten haben. Vor ungefähr drei Monaten hat im Country Style Magazin jemand einen Artikel verfasst und sich über das Verhalten von gewissen Line Dancer beschwert, welche sich nicht an die Etikette gehalten haben. Es kommt vor, dass Gruppen ihre eigenen Choreographien tanzen und sich nicht an die Platzordnung halten. So entsteht Unruhe auf der Tanzfläche. Wenn sich alle an das Etikette halten würden, gäbe es keine Reibereien. Dies wäre für alle Beteiligten wünschenswert.

Du hast das letzte Wort: Was liegt dir noch besonders auf dem Herzen?

Das wichtigste für mich ist, dass die Leute von dem verstaubten Country-Musik-Image absehen. Line Dance ist mehr, als „nur“ zu Country Musik zu tanzen. In unserer Tanzschule tanzen wir beispielsweise etwa 50% zu Country Musik und 50% zu aktuellen Songs, welche von den Teilnehmern gewünscht werden. Line Dance kann praktisch zu jedem Stil getanzt werden und diese Vielfältigkeit macht genau den Reiz aus, immer neue Choreografien zu lernen.

 

 

Mehr Infos beim SCWDA.

Alle Infos über die Schweizermeisterschaften hier.

123 One Comment on “Marcel Rohrer, Chef der Line Dancer

  1. Ich war ein 8 jähriges Vorstandsmitglied mache jetzt ein Teil der Teacherausbildung für den SCWDA und habe eben die 4 Jahre ohne Präsident mit erlebt.
    Der SCWDA ist für mich einen ausgezeichneten Dachverband für unsere Szene,
    dass Marcel sich damals entschlossen hat das Präsidium zu übernehmen hat uns neu orientiert und über seinen Einsatz haben wir uns sehr gefreut.
    Danke Marcel für deine Arbeit, ich weiss sie zu schätzen.

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